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Wappen von Tägerwilen

Tägerwilen

Ansicht von Tägerwilen
Peter Berger (Berger at de.wikipedia) · CC BY-SA 3.0 · Wikimedia Commons
Kanton
Kanton Thurgau
Bezirk
Bezirk Kreuzlingen
Fläche
11.56 km²
Höhe
420–475 m ü. M.
Einwohner (2018)
4'642
Am Wasser
Bodensee
Gemeindenummer
4696

Der Ort

Tägerwilen liegt dort, wo der Bodensee aufhört, ein See zu sein: der Seerhein verlässt das Becken bei Konstanz und wird wieder Fluss. Die Gemeinde nimmt den Streifen zwischen diesem Wasser und dem Hang des Seerückens ein — elfeinhalb Quadratkilometer zwischen 420 und 475 Metern über Meer, mit Konstanz als Nachbarstadt und einer Landesgrenze, die mitten durch die gewachsenen Verhältnisse läuft.

Das ist die kurze Auskunft. Die längere ist, dass hier drei Dinge zusammentreffen, die man einzeln überall findet und zusammen selten: ein Untergrund aus drei sehr verschiedenen Zeitaltern, ein Stück Boden, das der Schweiz gehört und von einer deutschen Stadt bewirtschaftet wird, und ein Haus, in dem der Mann geboren wurde, nach dem eine der meistangebauten Rebsorten Europas heisst.

Diese Seite erzählt das der Reihe nach — von unten nach oben, vom Gestein bis zu den Menschen. Was sich belegen lässt, trägt seine Quelle; was ungewiss ist, steht als ungewiss da.

Der Untergrund

Wer in Tägerwilen von der Kirche zum Schloss Castell geht, wechselt dabei das Erdzeitalter. Das ist keine Redensart, sondern lässt sich an neunzehn Punkten nachmessen — an genau den Stellen, an denen die Bauwerke dieser Seite stehen.

Unten liegt Molasse. Unter dem Hang, auf dem Schloss Castell, das Okenfiner Haus und der Bahnhof Dorf stehen, sitzt Gestein der Oberen Süsswassermolasse: Konglomerat, Mergel- und Glimmersandstein der Hörnli-Formation. Es stammt aus dem mittleren Miozän und ist damit rund fünfzehn Millionen Jahre alt. Damals gab es hier keinen See, sondern die Schuttfächer von Flüssen, die aus den entstehenden Alpen nach Norden schütteten. Der Seerücken ist der Rest davon. Tektonisch liegt das alles im Hegau-Bodensee-Graben — einer Zone, in der die Erdkruste auseinandergezogen wurde und in der bis heute die Vulkankegel des benachbarten Hegaus stehen.

Darüber liegt, was das Eis brachte. Unter der reformierten Kirche, der Kirche Bruder Klaus und dem Gut Hochstrass liegt Moräne der letzten Eiszeit — ungeschichteter Schutt, den der Rheingletscher unter sich zermahlen und beim Abschmelzen liegengelassen hat. Der Gletscher hat auch das Becken ausgeräumt, in dem heute der Untersee liegt.

Und ganz oben liegt Wasser, das nicht mehr da ist. Im Tägermoos und an der Konstanzerstrasse steckt im Boden Verlandungsmaterial und Seekreide: der Grund eines Sees, der weiter reichte als der heutige. Wer im Tägermoos Gemüse zieht, gärtnert auf einem ehemaligen Seeboden.

Ein Detail, das man erst sieht, wenn man beide Karten übereinanderlegt: die Untere Mühle, das Müller-Thurgau-Haus und der Bahnhof Tägerwilen-Gottlieben stehen auf Bachschutt. Das ist kein Zufall. Wo ein Bach genug Gefälle und genug Geröll hat, um einen Schuttfächer aufzuschütten, hat er auch genug Kraft, um ein Mühlrad zu drehen — und die Mühlen dieses Dorfes stehen auf dem Material, das der Bach mitgebracht hat, der sie antrieb.

400450500Konglomerat - Mergelstein: Kohle - Sandstein: GlimmerRutschmasseMoräne (Till), undifferenziertVerwitterungslehm, undifferenziertMoräne (Till), undifferenziertVerwitterungslehm, undifferenziertTorfmoor, Torfdetritische VerlandungsbildungLockergesteindetritische VerlandungsbildungCastellSchloss CastellSchlosslandschaft UnterseeBahnhof Tägerwilen-OberstrassTägermoosKonstanzerstrasseStolperstein für Otto Vogler0500 m1000 m1500 m2000 m2500 m
  • Konglomerat - Mergelstein: Kohle - Sandstein: GlimmerLanghien
  • RutschmasseHolozän
  • Moräne (Till), undifferenziertSpätes Pleistozän
  • Verwitterungslehm, undifferenziertSpätes Pleistozän
  • Torfmoor, TorfSpätes Pleistozän
  • detritische VerlandungsbildungSpätes Pleistozän
  • LockergesteinQuartär
Von Castell (506 m ü. M.) bis Konstanzerstrasse (398 m ü. M.), über 2'587 Meter. Die Linie ist gerechnet, nicht gelegt: Sie verbindet den höchsten mit dem tiefsten der benannten Orte. Die Höhe ist 7-fach überhöht — ohne das wäre die Zeichnung ein Strich, mit ihr sieht der Hang steiler aus, als er ist. Das farbige Band zeigt, was an der Oberfläche ansteht, gemessen etwa alle 130 Meter; es sagt nichts über die Tiefe. Quelle: Höhenmodell und GeoCover, Bundesamt für Landestopografie swisstopo.
  • Konglomerat - Mergelstein: Kohle - Sandstein: GlimmerLanghiengemessen an: Bahnhof Tägerwilen Dorf · Castell · Okenfiner Haus und 3 weitere · Hörnli-Fm.: Krinau-Mb. · Hegau-Bodensee-Graben
  • geringmächtige LockergesteinsbedeckungPleistozängemessen an: Castell · Okenfiner Haus · Schloss Castell und 2 weitere
  • BachschuttSpätes Pleistozängemessen an: Wohnhaus Unteren Mühle · Bahnhof Tägerwilen-Gottlieben · Müller-Thurgau-Haus
  • Moräne (Till), undifferenziertSpätes Pleistozängemessen an: Bruder Klaus (Tägerwilen) · Gut Hochstrass · Reformierte Kirche · Niederterrasse
  • Verwitterungslehm, undifferenziertSpätes Pleistozängemessen an: Schulhaus · Schlosslandschaft Untersee
  • detritische VerlandungsbildungSpätes Pleistozängemessen an: Konstanzerstrasse · Tägermoos
  • LockergesteinQuartärgemessen an: Bahnhof Tägerwilen-Oberstrass
  • SeekreideSpätes Pleistozängemessen an: Stolperstein für Otto Vogler
  • HangschuttSpätes Pleistozängemessen an: Mittelpunkt der Gemeinde

Gemessen an 19 Punkten — den Koordinaten der Bauwerke dieser Seite. Quelle: GeoCover (Vektordaten), Bundesamt für Landestopografie swisstopo.

Vor der ersten Urkunde

Die schriftliche Geschichte beginnt im Jahr 990. Die tatsächliche beginnt mehrere tausend Jahre früher — und man merkt daran, wie schief das Wort „Ersterwähnung” ist.

Die Gemeinde hält für ihr Gebiet Siedlungsspuren aus der Zeit um 4000 v. Chr. fest, dazu Funde aus der Bronzezeit und aus keltischer Zeit. Das ist für die Bodenseeregion nicht überraschend: Das flache, wasserreiche Ufer des Untersees gehört zu den am längsten und am dichtesten besiedelten Landschaften Mitteleuropas — die Pfahlbausiedlungen ringsum sind Weltkulturerbe.

Aus römischer Zeit steht der Beleg nicht in Tägerwilen, aber in Sichtweite: Das älteste datierte Objekt im ganzen Bestand dieser Fläche ist die Römerbrücke bei Eschenz, wenige Kilometer flussabwärts, Jahr 82.

Was zwischen 4000 v. Chr. und 990 n. Chr. hier geschah, wissen wir aus Funden und Namen, nicht aus Sätzen. Das ist der Grund, warum diese Seite mit dem Gestein anfängt und nicht mit einer Jahreszahl: Der Untergrund ist die einzige Quelle, die für die ganze Zeit spricht.

Der Name und die erste Urkunde

Zum ersten Mal aufgeschrieben wird der Ort im Jahr 990, und zwar als Tegirwilare. Der Anlass ist eine Schenkung: Eine Edelfrau vermacht dem neugegründeten Kloster Petershausen bei Konstanz ein Landgut bei Tegirwilare.

Das ist eine Gelegenheit, zu zeigen, wie solche Ersterwähnungen zustande kommen. Der Ort wird nicht erwähnt, weil er wichtig ist, sondern weil jemand etwas verschenkt, das aufgeschrieben werden muss. Was nicht verschenkt, verkauft oder besteuert wurde, steht in keiner Urkunde — und ist deshalb nicht jünger, sondern nur unbelegt. Das Kloster, das die Schenkung erhielt, steht auf dieser Seite weiter unten in der Liste des Umkreises.

Die Endung sagt mehr als das Datum. -wilen geht auf das lateinische villare, den Weiler, zurück und gehört zu einer Schicht alemannischer Ortsnamen, die in die Zeit des 7. und 8. Jahrhunderts weist. Der Ort ist also mindestens zweihundert Jahre älter als seine erste Erwähnung — nur eben ohne Urkunde.

Ein Hinweis zur Genauigkeit: „990” ist eine Jahreszahl aus einer Überlieferung, kein Messwert. Sie steht hier, weil Gemeinde und Historisches Lexikon sie übereinstimmend nennen — nicht, weil das Dokument datiert wäre wie ein Kassenzettel.

Drei Herrensitze

Schloss Castell auf dem Molassehang südlich des Dorfes
Schloss Castell auf dem Molassehang südlich des DorfesPingelig · Public domain · Wikimedia Commons

Für ein Dorf dieser Grösse hat Tägerwilen auffällig viele Herrensitze. Das ist kein Zufall, sondern Geografie: Wer in Konstanz Geld hatte und Land wollte, fand es gleich hinter der Stadtgrenze — auf thurgauischem Boden, in Sichtweite des eigenen Kontors.

Schloss Castell

Auf dem Molassehang südlich des Dorfes stand im 12. Jahrhundert eine Burg als Stützpunkt für die Besitzungen des Konstanzer Bischofs. Sie wurde im Schwabenkrieg 1499 zerstört.

Was heute dort steht, ist eine Kette von Umbauten: Nach 1585 baute Konrad Vogt von Wartenfels neu, ab 1661 war das Anwesen im Besitz der St. Galler Familie Zollikofer, die es 1725 umgestaltete. 1794 übernahm die Familie Schärer und liess es 1878–94 durch den Stuttgarter Architekten Otto Tafel zum Neurenaissanceschloss umbauen; 1892–94 schmückte Karl von Häberlin es mit Fresken aus.

Das kantonale Inventar hält Castell für eine der bedeutendsten historistischen Schlossanlagen der Schweiz. Auch die Eidgenossenschaft stuft es als Kulturgut von nationaler Bedeutung ein — die höchste der drei Schweizer Schutzkategorien.

Schloss Pflanzberg

Im Dorf selbst steht der Pflanzberg, 1596 als bischöfliches Lehen in der Hand des Vogts zu Gottlieben. 1695 liess Generalfeldmarschall Christoph Rudolf Würz hier bauen — die zeitgenössische Quelle nennt das Ergebnis ein „köstlich jtalienisch gebäüw”. 1701 wurde das Gut zum Freisitz erhoben, Mitte des 18. Jahrhunderts ging es an die Rüpplin von Kefikon, und 1806–1856 gehörte es der Winterthurer Malerfamilie Steiner.

Wikidata führt den Pflanzberg ohne Baujahr, und das kantonale Inventar trägt für ihn 1899 ein — eine Zahl, die auf dieser Fläche nicht als Baujahr gilt: Ein Drittel des Tägerwiler Inventars trägt sie, sie stammt aus der Katasteraufnahme. Der Pflanzberg steht deshalb weiter unten unter „Was kein Baujahr hat”, obwohl seine Geschichte bis 1596 belegt ist. Ein Haus kann gut bezeugt und trotzdem undatiert sein.

Gut Hochstrass

Weit östlich des Dorfes, schon Richtung Emmishofen, liegt das Gut Hochstrass. Sein Name kommt von der erhöhten Route Konstanz–Tägerwilen, die 1361 schriftlich bezeugt ist und deren römischer Ursprung vermutet, aber nicht belegt wird.

Hier soll eine mittelalterliche Wasserburg gestanden haben, im 15. Jahrhundert im Besitz des Konstanzer Geschlechts der Muntprat. Nach dem Bericht des Konstanzer Chronisten Christoph Schulthaiss brannte sie im Schwabenkrieg 1499 ab — im selben Jahr wie Castell. Der wiederaufgebaute Hof kam um 1530 an die Familie de Gall; das heutige Gebäude datiert das Inventar auf 1756.

Zwei Herrensitze, zerstört im selben Krieg, im selben Jahr, drei Kilometer auseinander: Das ist der einzige Punkt dieser Ortsgeschichte, an dem die grosse Politik hier unmittelbar durchgeschlagen hat.

Die Kirche, und was unter dem Gips liegt

Die reformierte Kirche — das älteste Gebäude des Ortes
Die reformierte Kirche — das älteste Gebäude des OrtesPingelig · CC BY-SA 3.0 · Wikimedia Commons

Das älteste Gebäude, das in Tägerwilen noch steht, ist die Kirche an der Hauptstrasse. Das kantonale Inventar datiert sie auf 1455 — und beschreibt damit nicht ihren Anfang, sondern einen Umbau.

Die Bauteile sind verschieden alt. Der Turmchor geht nach den ältesten Wandmalereien ins 13. oder 14. Jahrhundert zurück. 1455 wurde er eingewölbt und neu ausgemalt, das Schiff neu gebaut. 1760–61 bekam das Schiff unter einem neuen Dachstuhl eine Gipstonne mit Stuckaturen, der Turmaufsatz folgte 1762. Renoviert wurde 1852, 1898, 1922, 1952 und zuletzt 1965.

Ein Gebäude ist also selten „von” einem Jahr. Es ist eine Abfolge, und die Jahreszahl in einer Liste ist immer eine Auswahl daraus.

Die Bilder, die zweimal verschwunden sind

Im Turmchor liegen Wandbilder aus dem dritten Viertel des 15. Jahrhunderts. Sie zeigen Szenen aus der Legende der Heiligen Kosmas und Damian — zweier Ärzte, die in der Bildkunst selten vorkommen und denen diese Kirche geweiht war.

1922 wurden sie freigelegt. 1965 verschwanden sie wieder, diesmal unter Gipsplatten. 1997 wurde ein erstes Bildfeld erneut aufgedeckt und konserviert.

Fünfhundert Jahre alte Malerei, zweimal ans Licht geholt und einmal wieder zugedeckt: Das ist keine Anekdote, sondern eine Geschichte darüber, wie sehr sich der Umgang mit alter Substanz innerhalb eines Menschenlebens ändern kann. Was 1922 als Fund galt, war 1965 im Weg.

Zwei Konfessionen, mit 274 Jahren dazwischen

Wann hier zuerst eine Kirche stand, sagen die Quellen unterschiedlich: Die Gemeinde schreibt von einer Erwähnung um 900, das kantonale Inventar nennt eine Ersterwähnung 1155. Beide Angaben stehen hier; wir können sie nicht gegeneinander prüfen.

Im 16. Jahrhundert erfasste die Reformation den Thurgau und mit ihm Tägerwilen. Wie gründlich, zeigt eine Notiz von 1695: Im Dorf lebte damals kein einziger Katholik. Für einen Ort zwei Kilometer vor der Bischofsstadt Konstanz, dessen Herrschaft jahrhundertelang beim Bischof lag, ist das eine bemerkenswerte Zahl.

Umgekehrt dauerte es lange, bis es wieder eine katholische Kirche gab: Das Gotteshaus Bruder Klaus wurde erst 1969 eingeweiht. Zwischen der Notiz von 1695 und diesem Datum liegen 274 Jahre, und in dieser Spanne steckt die ganze Geschichte der Zuwanderung ins Dorf.

Zwei Nachbargemeinden lösten sich in dieser Zeit von Tägerwilen ab: Emmishofen und Egelshofen bauten 1724 ein eigenes Gotteshaus, Gottlieben bekam 1735 eine eigene Kirche und Pfarrei. Ein Kirchspiel schrumpft, wenn seine Nachbarn wachsen — der bürokratische Nachweis dafür, dass die Gegend voller wurde.

Das Tägermoos — Schweizer Boden, deutsche Gärten

Nordöstlich des Dorfes liegen 1,55 Quadratkilometer flaches Land auf 397 Metern über Meer. Es liegt in der Schweiz, im Kanton Thurgau, in der Gemeinde Tägerwilen — und die deutsche Stadt Konstanz führt dort bis heute das Grundbuch.

Wie es dazu kam

Am 31. August 1294 kauften Rat und Gemeinde der Stadt Konstanz dem Schottenkloster die Wiesen im Tägermoos ab. Dieses Kloster — das Benediktinerkloster St. Jakob zu den Schotten — steht in der Umkreisliste weiter unten auf dieser Seite, datiert auf 1142.

Von 1384 an stand hier der Galgen der Stadt Konstanz. Die Richtstätte lag ausserhalb der Stadtmauern, auf Land, das der Stadt gehörte, aber nicht in ihr lag. 1833 wurde sie abgebrochen.

Nach 1798 kam das Gebiet an die Thurgauer Gemeinden Egelshofen und Tägerwilen. Es folgten dreissig Jahre Streit über Steuern, Wegzölle und Zuständigkeiten.

Der Vertrag, der noch gilt

Am 28. März 1831 unterzeichneten das Grossherzogtum Baden und der Kanton Thurgau eine „Übereinkunft betreffend die Grenzberichtigung bei Konstanz”. Sie steht heute als RB 110 in der geltenden Rechtssammlung des Kantons Thurgau — Erstfassung vom 28. März 1831, in Kraft seit demselben Tag, ohne eine einzige Änderung.

Das Grossherzogtum Baden hat 1918 aufgehört zu existieren. Der Vertrag gilt.

Was er regelt, steht in neun Paragraphen, und man kann sie nachlesen:

Zwei Dinge, die beim Lesen auffallen

Der Vertrag nennt Flurnamen, die es noch gibt. In § 3 werden neben dem Tägermoos ausdrücklich das Privateigentum im Vogelsang am Rhein und die Ziegelhütte genannt. Beide stehen zweihundert Jahre später in der Flurnamenliste weiter oben auf dieser Seite: Vogelsang und Ziegelhof.

Und er nennt einen Metzger beim Namen. § 1 beschreibt den Verlauf der Grenze über ein Grundstück, das „gegenwärtig dem Stephan Mischod, Metzger zu Emmishofen” gehöre. Dieser Satz ist seit 1831 unverändert geltendes Recht des Kantons Thurgau.

Was heute dort wächst

Das Tägermoos ist Gemüseland: Tomaten, Gurken, Salate, Radieschen, dazu Kohl und Zwiebeln, Grünland, Apfelbäume und ein Kleingartengebiet. Einige grössere Gärtnereien bewirtschaften es, mit Saisonarbeitskräften über sechs bis sieben Monate im Jahr.

Der Boden dafür ist von dieser Fläche selbst gemessen: Am Messpunkt im Tägermoos liegt detritische Verlandungsbildung, wenige hundert Meter weiter an der Konstanzerstrasse Seekreide — beides der Grund eines Sees, der weiter reichte als der heutige. Und die Flurnamenliste kennt das Gebiet nicht als eines, sondern als zwei: Obers Tägermoos und Unders Tägermoos, dazu den Spitzacker.

Der Grenzzaun, der das Gebiet von Konstanz trennt, stand von 1940 an in einer Höhe von 2,60 Metern; seit Oktober 2006 ist er auf 1,40 Meter gekürzt. Es ist derselbe Zaun, durch dessen Loch im April 1945 die Konstanzer Abordnung schlüpfte, um wenige hundert Meter weiter die Übergabe ihrer Stadt zu verhandeln — nachzulesen weiter unten.

Wer heute im Tägermoos einen Salat kauft, kauft ihn auf schweizerischem Boden von einem deutschen Betrieb, auf dem Grund eines Sees, den es nicht mehr gibt, unter einem Vertrag mit einem Staat, den es nicht mehr gibt.

Die Schule — und zwei Quellen, die sich widersprechen

Für ein Dorf am Rand des Kantons ist die Schulgeschichte ungewöhnlich früh dran. Ein erstes Schulhaus am Brunnensteg gab es nach Darstellung der Gemeinde schon um 1610 — es diente zugleich als Gemeindehaus. 1801 wurde hier eine der ersten Mädchenarbeitsschulen des Kantons gestiftet, 1837 die erste Kleinkinderschule des Kantons Thurgau überhaupt. 1854 entstand ein Sekundarschulkreis, 1885 wurde er selbständig.

Und dann kommt eine Stelle, an der die Quellen auseinandergehen.

Wikidata datiert das Schulhaus, das in der Zeitleiste dieser Seite steht, auf 1868. Die Gemeinde schreibt in ihrer eigenen Ortsgeschichte, 1870 sei ein neues Schulhaus mit einem Bürgersaal für dreihundert Personen eingeweiht worden.

Wir wissen nicht, welche Zahl stimmt — und ob es überhaupt zwei Zahlen für dieselbe Sache sind. Zwischen Baubeginn, Fertigstellung und Einweihung liegen regelmässig ein bis zwei Jahre; zwei Quellen können denselben Bau meinen und verschiedene Ereignisse datieren. Beide Angaben stehen deshalb hier, mit ihrer Herkunft.

Das ist keine Verlegenheitslösung, sondern die Regel dieser Fläche in ihrer unbequemen Fassung: Wo Quellen sich widersprechen, wird der Widerspruch gezeigt und nicht aufgelöst. Eine Seite, die sich für eine Zahl entscheidet und die andere weglässt, sieht sicherer aus, als sie ist.

Menschen

Ein Dorf von wenigen tausend Menschen bringt keine Weltgeschichte hervor. Es bringt einzelne Leben hervor, die an einer Stelle die Welt berühren — und drei davon sind es wert, ausführlicher zu stehen als in einer Liste.

Elise Egloff (1821–1848) — die Näherin, über die drei Dichter schrieben

Elise Egloff wurde in Tägerwilen geboren und arbeitete als Näherin und Kindermädchen. In Heidelberg lernte sie den Anatomen Jacob Henle kennen, einen der bekanntesten Mediziner seiner Zeit; die beiden heirateten. Nach den Massstäben des 19. Jahrhunderts war das eine Mesalliance — eine Verbindung, die Standesgrenzen verletzte, und die deshalb weit über die beiden hinaus besprochen wurde.

Gleich drei Autoren machten daraus Literatur: Berthold Auerbach in Die Frau Professorin, Charlotte Birch-Pfeiffer im vielgespielten Bühnenstück Dorf und Stadt — und Gottfried Keller in der Novelle Regine, deren Titelfigur in der Literaturwissenschaft als Denkmal für Elise Egloff gilt.

Sie selbst hat davon fast nichts erlebt. Elise Egloff starb 1848 in Heidelberg mit siebenundzwanzig Jahren. Was von ihr in ihren eigenen Worten geblieben ist, sind Briefe; sie sind veröffentlicht.

Hermann Müller-Thurgau (1850–1927) — und der Irrtum, der hundert Jahre hielt

Wikidata verzeichnet als seinen Geburtsort nicht „Tägerwilen”, sondern das Müller-Thurgau-Haus — das Gebäude, das heute seinen Namen trägt und in der Liste dieser Seite steht.

Hermann Müller nannte sich nach seinem Heimatkanton. Von 1876 bis 1890 leitete er die pflanzenphysiologische Versuchsstation im deutschen Geisenheim, ab 1891 baute er in Wädenswil die Versuchsanstalt für Obst-, Wein- und Gartenbau auf — die Vorläuferin der heutigen Agroscope. 1882 stellte er in Geisenheim eine neue Rebsorte vor, die nach ihm benannt wurde und über Jahrzehnte zu den meistangebauten Weissweinsorten Mitteleuropas gehörte.

Und hier steht die Geschichte, um derentwillen dieser Absatz hier steht: Müller war überzeugt, er habe Riesling mit Silvaner gekreuzt. Ein Jahrhundert lang stand es so in den Büchern. Erst eine genetische Untersuchung 1998 zeigte, dass der Vater nicht Silvaner war, sondern Madeleine Royale. Der Mann, der die Sorte gezüchtet hatte, hat sich darüber geirrt, was er gezüchtet hatte — und niemand konnte es merken, solange das Werkzeug fehlte, es nachzuprüfen.

Otto Vogler (1876–1941) — der Stein an der Konstanzerstrasse

Vor der Konstanzerstrasse 123 liegt ein Stolperstein von Gunter Demnig. Otto Vogler wurde 1938 wegen Äusserungen über die nationalsozialistische Führung verhaftet und 1941 im KZ Dachau umgebracht.

Seine Geschichte ist so gut belegt und so aufschlussreich für diesen Ort, dass sie weiter unten einen eigenen Abschnitt hat.

Die anderen

Wikidata kennt zwanzig Menschen mit Bezug zu Tägerwilen — geboren, gestorben, begraben oder hier tätig gewesen. Die Liste ist vollständig aufgeführt, weil eine Auswahl behaupten würde, die Übrigen seien weniger wert. Sie ist zugleich nicht vollständig im Sinn des Ortes: Wer keinen Eintrag in Wikidata hat, fehlt hier — und das sind fast alle, die je hier gelebt haben.

Das sind Bildnisse, keine Fotografien. Nikolaus von Frauenfeld starb 1344; was von ihm zu sehen ist, stammt aus einer viel späteren Wappentafel. Wie ähnlich ein solches Blatt dem Menschen sah, kann niemand prüfen. — Von 6 der 20 Menschen dieser Seite ist überhaupt ein Bildnis überliefert; die übrigen 14 fehlen hier, nicht im Ort.

Wie alt das Dorf gebaut ist

Hier steht die Zahl, die diese Seite am stärksten verändert hat.

Wikidata kennt in Tägerwilen achtzehn Bauwerke und nennt bei zweien ein Baujahr. Das Hinweisinventar der kantonalen Denkmalpflege kennt vierhundertsechsundsechzig. Wer eine Ortsgeschichte allein aus Wikidata baut, behauptet über dieses Dorf, es habe zwei datierte Häuser — und liegt um mehr als den Faktor zweihundert daneben.

Ein Drittel des Bestands trägt kein Baujahr, sondern ein Katasterdatum

Beim Nachrechnen fiel etwas auf, das die ganze Verteilung umgeworfen hat: 139 der Einträge tragen das Jahr 1899 — fast ein Drittel. Zusammen mit 1898 und 1900 sind es 161, und damit lagen über neunzig Prozent des gesamten „19. Jahrhunderts” in drei Jahren.

Ein Dorf baut nicht ein Drittel seiner Häuser in einem einzigen Jahr. Die Beschreibungen der betroffenen Objekte sagen es selbst: Ein Haus mit dem Jahr 1899 wird im Text als „im Kern wohl 2. Hälfte 18. Jh.” beschrieben, ein anderes als „Gesamterscheinung Mitte 18. Jahrhundert”. Dort steht offenbar das Jahr der Katasteraufnahme, wo kein Baujahr bekannt ist.

Diese 161 Einträge gelten hier deshalb als undatiert. Der Preis ist, dass Häuser, die tatsächlich um 1899 gebaut wurden, mit hineinfallen. Das ist der kleinere Fehler: lieber ein Haus zu wenig datiert als ein Drittel des Dorfes falsch. Es bleiben 279 Bauten mit belastbarem Baujahr.

Und dann sieht die Verteilung anders aus

Ein Bauwerk aus dem 15. Jahrhundert steht noch: die Kirche von 1455. Aus dem 16. sind es zwei, aus dem 17. zehn, aus dem 18. sechzehn, aus dem 19. nur einunddreissig — und aus dem 20. zweihundertfünfzehn.

Das ist die eigentliche Aussage, und sie ist eine andere als die, die vor der Korrektur dastand: Tägerwilen ist, seinem gebauten Bestand nach, ein Ort des 20. Jahrhunderts mit einem alten Kern. Nicht das 19. Jahrhundert hat dieses Dorf gebaut, sondern das 20.

Von den Häusern des 16. Jahrhunderts ist das meiste schlicht nicht mehr da; die zwei, die dastehen, sind die Überlebenden und nicht der Bestand.

Und dann die Adressen. Die 28 Bauten, die vor 1800 entstanden, verteilen sich auf siebzehn verschiedene Strassen. Die Hauptstrasse führt mit fünf, die Unterdorfstrasse hat drei, Hinterdorfstrasse, Rickstrasse und Palmenweg je zwei — und dann zwölf Strassen mit je einem einzigen alten Haus.

Das ist kein kompakter Ortskern, um den herum später gebaut wurde. Das ist ein Dorf, das schon vor 1800 in die Breite lag. Die Strassennamen sagen dasselbe: Ein Ort, der Oberdorf-, Unterdorf- und Hinterdorfstrasse hat, hatte einmal Ober-, Unter- und Hinterdorf — drei Siedlungsteile, die zusammengewachsen sind und deren Grenzen heute nur noch die Adressen kennen.

  1. 15. Jh.1
  2. 16. Jh.2
  3. 17. Jh.10
  4. 18. Jh.16
  5. 19. Jh.31
  6. 20. Jh.215
  7. 21. Jh.4

Das ist keine Altersverteilung der Häuser, sondern die der inventarisierten. Aufgenommen wird, was vor 1960 entstand, dazu Wertvolles bis 1980 — was danach gebaut wurde, fehlt fast vollständig. Der Balken für das 21. Jahrhundert misst die Aufnahmeregel, nicht die Bautätigkeit.

Die ältesten datierten Bauten

466 Bauwerke im Inventar, 279 davon mit belastbarem Baujahr. 161 tragen ein Katasterdatum (1898–1900) und gelten hier als undatiert — ein Dorf baut nicht ein Drittel seiner Häuser in einem Jahr. Quelle: Hinweisinventar Bauten, Amt für Denkmalpflege Kanton Thurgau — derselbe Bestand steht als offene Daten unter CC0 1.0 (Publikation desselben Bestands auf data.tg.ch, dbu-dp-3).

Das Dorf, gezeichnet aus seinen Häusern

Vierhundertvierzig Häuser mit Baujahr und Koordinate ergeben zusammen etwas, das keine Liste zeigen kann: die Form des Ortes.

Was hier steht, ist kein Ortsplan und keine Karte. Es gibt keinen Hintergrund, keine Strassen, keine Grenzen — nur einen Punkt je Haus, gesetzt an seine Stelle und gefärbt nach seinem Alter. Die Umrisse, die man zu erkennen meint, sind nicht eingezeichnet. Sie entstehen daraus, dass Menschen dort gebaut haben und woanders nicht.

Drei Dinge sind daran zu sehen — und weil einem Bild schnell etwas angesehen wird, das nicht drinsteht, ist jedes davon an denselben Punkten nachgerechnet. Die Tabelle unter der Zeichnung zeigt die Zahlen.

Der alte Kern ist keiner. Die achtundzwanzig Bauten vor 1800 stehen im Median 45 Meter vom nächsten gleichaltrigen Haus entfernt und streuen 424 Meter um ihren Schwerpunkt. Ein Dorf aus einzelnen Höfen und Hofgruppen, nicht eine Siedlung um einen Platz.

Das 19. Jahrhundert ist die dünnste Schicht. Nur einunddreissig Bauten tragen ein belastbares Baujahr aus diesem Jahrhundert, und sie stehen mit 56 Metern sogar weiter auseinander als die älteren. Zwei Drittel von ihnen stehen keine hundertfünfzig Meter von einem Bau aus der Zeit davor entfernt — angebaut, nicht neu angefangen.

Und das 20. Jahrhundert ist alles andere. Zweihundertvierzehn Bauten, im Median 29 Meter auseinander — die mit Abstand dichteste Bauzeit —, aber nur noch 33 Prozent in der Nähe der alten Häuser, und eine Streuung von 754 Metern. Das Dorf wächst nicht mehr um seinen Kern herum, es wächst daneben. Dort, wo diese Punkte am dichtesten liegen, standen einmal Felder.

Ein Hinweis, ohne den das Bild lügt: Wo die Fläche leer ist, ist nichts inventarisiert — nicht nichts gebaut. Aufgenommen wird, was vor 1960 entstand, dazu Wertvolles bis 1980. Die Neubaugebiete der letzten sechzig Jahre, in denen der grösste Teil der heutigen Einwohnerschaft wohnt, fehlen hier fast vollständig. Die Zeichnung zeigt das alte Tägerwilen, und sie zeigt es vollständig genau in dem Sinn, in dem das Inventar vollständig ist.

2000 · Zollhof · Zoll D2 2001 · Station · Stationsstrasse 1 2004 · Wohnhaus · Hauptstrasse 50 2011 · Scheune Garage · Meierhofstrasse 4 2012 · Schopf · Hinterdorfstrasse 21 1901 · Werkstatt Trafostation · Brunnegg 562z 1901 · Unteren Mühle · Gottlieberstrasse 9 1903 · Margrit · Bahnhofstrasse 15 1904 · Trompeterschlössli · Konstanzerstrasse 123 1905 · Trafostation beim Zoll · Tägermoos 5z 1905 · Remise · Hauptstrasse 130 1905 · Schopf · Oberdorfstrasse 25 1905 · Wohnhaus · Oberstrasse 4 1906 · Heizung Schopf · Bahnhofstrasse 15 1907 · Wohnhaus · Bahnhofstrasse 23 1907 · Wohnhaus · Hauptstrasse 17 1907 · Remise Garage · Kirchweg 8 1907 · Rheinblick · Oberstrasse 2 1907 · Villa Vilmoni, Iris · Sonnenstrasse 1 1909 · Villa Hörnliberg · Altenbüel 1 1909 · Wohnhaus · Castellstrasse 15 1909 · Wohnhaus Schreinerei · Hauptstrasse 126 1910 · Schutzhütte · Tägermoos 14z 1910 · Wohnhaus · Glaserstrasse 7 1910 · Fabrik · Gottlieberstrasse 11 1910 · Schweinestall Garage · Hauptstrasse 17 1910 · Wohnhaus Schopf · Hauptstrasse 36 1910 · Wohnhaus Restaurant Music Bar · Hauptstrasse 78 1910 · Schopf · Hauptstrasse 126 1910 · Remise · Konstanzerstrasse 51z 1910 · Wohnhaus · Rüllenstrasse 9 1910 · Wohnhaus · Rüllenstrasse 11 1910 · Remise · Unterdorfstrasse 1 1910 · Wohnhaus · Hauptstrasse 568z 1911 · Wohnhaus · Bahnhofstrasse 11 1911 · Brunnegg · Brunnegg 558z 1911 · Wohnhaus · Hauptstrasse 61 1911 · Schopf · Hauptstrasse 61 1911 · Wohnhaus · Hauptstrasse 120 1911 · Wohnhaus · Hauptstrasse 122 1911 · Bahnhof Tägerwilen · Hauptstrasse 123 1911 · Wohnhaus Restaurant Kegelbahn · Hauptstrasse 128 1911 · Wohnhaus · Oberstrasse 8 1911 · Scheune Stall · Sägestrasse 9 1911 · Wohnhaus · Sonnenstrasse 11 1911 · Schopf · Sonnenstrasse 11 1911 · Scheune · Spulackerstrasse 431z 1912 · Wohnhaus · Hauptstrasse 88 1912 · Wohnhaus · Hauptstrasse 124 1912 · Wohnhaus · Oberstrasse 5 1912 · Frohheim · Oberstrasse 7 1912 · Wohnhaus · Unterdorfstrasse 5 1913 · Wohnhaus, Laden · Bahnhofstrasse 6 1913 · 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Geschäftshaus · Hauptstrasse 89 1990 · Gartenhaus · Ziegelhof 11z 1990 · Gewerbehaus · Lohstampfestrasse 11 1991 · Alters-/Pflegeheim · Im Bindersgarten 3 1991 · Schulpavillon · Bahnhofstrasse 1107z 1992 · Wohnhaus Lager · Unterdorfstrasse 7 1995 · Wohnhaus · Egelbachstrasse 13 1996 · Schulhaus · Castellstrasse 9 1999 · Wohnhaus · Bärenweg 5 1800 · Zur Rosenau · Gottlieberstrasse 15 1804 · Wohnhaus Schopf · Hinterdorfstrasse 4 1805 · Schopf · Brunnenweg 2 1805 · Müller-Thurgau-Haus · Müller-Thurgau-Strasse 2 1807 · Wohnhaus · Gottlieberstrasse 7 1807 · Schopf · Gottlieberstrasse 7 1820 · Zum Trittenbach · Castellstrasse 5 1826 · Wohnhaus · Hauptstrasse 49 1826 · Scheune · Hauptstrasse 49 1829 · Granegg · Gottlieberstrasse 2a 1835 · Wohnhaus Garagen · Wäldistrasse 16 1837 · Schopf Hühnerhaus · Konstanzerstrasse 21 1840 · Wohnhaus · Castellstrasse 29 1840 · Remise · Castellstrasse 29 1840 · Wohnhaus Laden · Hauptstrasse 82 1848 · Pavillon Konferenzsaal · Hauptstrasse 83 1848 · Wohnhaus · 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Rickstrasse 12 1698 · Magazin Schopf · Palmenweg 6 1700 · Wohnhaus · Unterdorfstrasse 2 1700 · Magazin · Unterdorfstrasse 2 1724 · Wohnhaus Schopf · Oberdorfstrasse 23 1724 · Pfarrhaus · Pflanzbergstrasse 6 1725 · Schloss Castell · Castell 518z 1727 · Werkstatt Wohnhaus · Hauptstrasse 91 1756 · Gut Hochstrass · Gut Hochstrass 571z 1756 · Remise (Rebhaus) · Hochstrass 573z 1758 · Wohnhaus · Hauptstrasse 86 1760 · Wohnhaus Werkstatt · Egelbachstrasse 1 1761 · Zur Traube · Traubenstrasse 2 1764 · Wohnhaus Remise · Sägestrasse 6 1766 · Wohnhaus Werkstatt · Palmenweg 3 1799 · Ochsenscheune · Gottlieberstrasse 5 1799 · Ochsen · Gottlieberstrasse 5 1799 · Wohnhaus · Konstanzerstrasse 6 1799 · Wohnhaus Remise · Konstanzerstrasse 8 1Stolperstein für Otto Vogler2Konstanzerstrasse3Wohnhaus Unteren Mühle4Tägermoos5Bahnhof Tägerwilen-Gottlieben6Schloss Pflanzberg7Schulhaus8Bruder Klaus (Tägerwilen)9Okenfiner Haus10Reformierte Kirche11Wohnhaus Obermühle12Müller-Thurgau-Haus13Bahnhof Tägerwilen Dorf14Bahnhof Tägerwilen-Oberstrass15Gut Hochstrass16Schlosslandschaft Untersee17Schloss Castell18Castell1 km
  • vor 180028
  • 19. Jahrhundert32
  • 20. Jahrhundert214
  • ab 20005
  1. 1Stolperstein für Otto Vogler
  2. 2Konstanzerstrasse
  3. 3Wohnhaus Unteren Mühle1910
  4. 4Tägermoos
  5. 5Bahnhof Tägerwilen-Gottlieben
  6. 6Schloss Pflanzberg
  7. 7Schulhaus1868
  8. 8Bruder Klaus (Tägerwilen)
  9. 9Okenfiner Haus
  10. 10Reformierte Kirche
  11. 11Wohnhaus Obermühle
  12. 12Müller-Thurgau-Haus
  13. 13Bahnhof Tägerwilen Dorf
  14. 14Bahnhof Tägerwilen-Oberstrass
  15. 15Gut Hochstrass
  16. 16Schlosslandschaft Untersee
  17. 17Schloss Castell
  18. 18Castell
Gemessen an denselben Punkten
BauzeitBautenAbstand zum NachbarnStreuungbei einem Haus vor 1800
vor 18002845 m424 m100 %
19. Jahrhundert3256 m404 m66 %
20. Jahrhundert21429 m754 m33 %
ab 20005280 m759 m40 %

Abstand zum Nachbarn ist der Median, nicht der Mittelwert: ein einzelner Hof weit draussen würde den Mittelwert hochziehen und über alle anderen etwas Falsches erzählen. Streuung ist der mittlere Abstand vom eigenen Schwerpunkt. Die letzte Spalte zählt, was im Umkreis von 150 m um ein Haus von vor 1800 steht.

279 datierte Bauwerke, gezeichnet nach ihrer Lage. Das ist kein Ortsplan. Es fehlen alle Häuser, die nicht im Inventar stehen — und im Inventar steht vor allem, was vor 1960 gebaut wurde. Wo die Fläche leer ist, ist nichts inventarisiert; sie ist deshalb nicht unbebaut. Ausdehnung rund 3.7 × 2.4 km. Quelle: Hinweisinventar Bauten, Amt für Denkmalpflege Kanton Thurgau.

Die Namen der Flur

Elfeinhalb Quadratkilometer, und für sie zweiundsechzig Namen. Jedes Stück Land dieser Gemeinde heisst irgendwie, und die meisten dieser Namen stehen auf keinem Ortsschild.

Zu vielen gibt es zwei Schreibungen: die amtliche und die aus dem Thurgauer Namenbuch, das aufschreibt, wie ein Name gesprochen wird. Aus „Säge” wird Sägi, aus „Hertler” Härtler, aus „Brunnegg” Brunegg, aus „Schinenberg” Schinebärg, aus „Nagelshausen” Nagelshuuse, aus „Meierhof” Maierhof, aus „Pfaffenbüel” Pfaffebüel, aus „Breiti” Braate.

Bemerkenswert ist dabei etwas anderes: Sehr viele amtliche Schreibungen sind selbst schon Mundart. Das Verzeichnis des Kantons führt Gebiete als Chirchenacker, Wygärtli, Underdorf, Pflanzbärg, Ersti Strooss — nicht als Kirchenacker, Weingärtchen, Unterdorf, Pflanzberg, Erste Strasse. Wer die Namen einer Landschaft aufnimmt, kann sie offenbar nicht ins Hochdeutsche übersetzen, ohne sie zu verlieren.

Die Namen erinnern sich an die Arbeit

Ein Flurname sagt fast immer, was dort einmal war. In Tägerwilen sind das der Reihe nach: Gärbi — eine Gerberei. Schmiid — eine Schmiede. Sägi — eine Säge. Rüebermüli — eine Mühle. Loostampfi — eine Stampfe. Hammer — ein Hammerwerk. Ziegelhof — eine Ziegelei. Glaser.

Vier davon bezeichnen wassergetriebene Werke — Sägi, Rüebermüli, Loostampfi und Hammer. Damit hat die Angabe der Gemeinde, es habe hier neun Mühlen gegeben, eine zweite und ganz unabhängige Spur: Die Werke sind verschwunden, ihre Namen sind geblieben, und sie liegen dort, wo der Bach die Kraft hatte.

Neun der zweiundsechzig Gebiete haben einen Namen, haben Häuser und haben trotzdem keine Jahreszahl — darunter Hammer, Grüental, Amtswise und Pfaffeschlössli. Sie stehen in der Liste unten mit „ohne datierten Bau” statt mit einer erfundenen Zahl.

Die Zahl ist erst mit einer Korrektur auf neun gestiegen: Sie war vier, solange das Katasterdatum 1899 als Baujahr galt. Was der Abschnitt „Wie alt das Dorf gebaut ist” über jenes Jahr sagt, wirkt bis hierher durch.

Andere Namen erzählen von der Landwirtschaft, wie sie vor der Flurbereinigung war: Zälgli von der Zelg, dem Feld der Dreifelderwirtschaft. Almänd von der Allmend, dem gemeinsam genutzten Land. Spuelacker, Breiti, Chirchenacker, Amtswise, Roosegarte, Ochsegarte, Griesgarte — lauter Äcker, Wiesen und Gärten, auf denen heute Häuser stehen.

Und wieder andere sind einfach Beschreibungen: Mööri (das Moor), Sandhalde, Silberbärg, Löchli, Guggebüel, Vogelsang, Tanzplatz.

Wann ein Feld aufhörte, Feld zu sein

Verbindet man jeden Flurnamen mit dem ältesten Haus, das darin steht, ergibt sich eine zweite Erzählung derselben Geschichte, die weiter oben das Ortsbild zeigt.

In Hinderdorf steht ein Haus von 1535, in Rick eines von 1608, im Pflanzbärg eines von 1610, im Okefiner eines von 1616. Das war das Dorf.

Ersti Strooss dagegen trägt sein ältestes Haus von 1930, Badi von 1933, Noppelsguet von 1948, Spuelacker von 1949. Diese Gebiete hatten schon lange ihre Namen — aber gebaut wurde dort erst, als das 20. Jahrhundert weit fortgeschritten war. Ein Feld namens Spülacker bleibt ein Spülacker, bis jemand darauf baut, und dann bleibt der Name trotzdem.

Ein Hinweis, ohne den die Liste falsch gelesen wird: Die Jahreszahl neben einem Flurnamen ist nicht das Alter des Namens. Sie sagt, seit wann dort ein inventarisiertes Haus steht. Die Namen selbst sind in aller Regel erheblich älter — viele von ihnen dürften das Dorf überdauert haben, wie es 1535 aussah.

  • TägerwilenAlts Armehuus · Bindersgarte · Gärbi · Hinderdorf · Tägerwile · Trittebach · Trittebachgarteseit 1455100
  • OberdorfMööriseit 172434
  • HinderdorfChesselringseit 153532
  • Tanzplatzseit 169825
  • OberstrasseNeuquartier · Oberstroossseit 190521
  • Sunnegarteseit 179921
  • Ersti Stroossseit 193011
  • RickUnderdorfseit 160811
  • Glaserseit 191010
  • Noppelsguetseit 194810
  • WinkelDorfbach · Loostampfiseit 176110
  • BrunneggBrunegg · Guggerwägseit 19019
  • Chirchenackerseit 17609
  • LebereLeebereseit 19059
  • Underdorfseit 16569
  • WygärtliWiigärtliseit 19099
  • MeierhofMaierhofseit 19368
  • Pflanzbärgseit 16108
  • Castellseit 17257
  • SchinenbergSchinebärgohne datierten Bau7
  • HertlerHärtlerseit 19076
  • NagelshausenNagelshuuseseit 19096
  • Rülleseit 19106
  • SägeAlmänd · Sägiseit 19205
  • Härtlerbüelseit 19234
  • RafensburgRafesburgseit 19374
  • Roosegarteseit 19524
  • Schmiidseit 18354
  • Spuelackerseit 19494
  • Ziegelhofseit 19304
  • ChastlerfäldChastel · Chastelfäldseit 18863
  • Guggebüelseit 18403
  • Hochstrasse-GutHoochstroossseit 17563
  • Ländliseit 19483
  • Loostampfiohne datierten Bau3
  • OkefinerOkefiinerseit 16163
  • PfaffenbüelPfaffebüelseit 19223
  • Rüebermüliohne datierten Bau3
  • Staudenhofseit 19503
  • TrompeterschlössliTrompeeterschlössliseit 19053
  • Füessliseit 17992
  • Grüentalohne datierten Bau2
  • Hammerohne datierten Bau2
  • LambrächiChastlerbach · Laambrächiseit 19502
  • Ochsegarteseit 18292
  • StapfeUnderfäldseit 19352
  • Amtswiseohne datierten Bau1
  • Badiseit 19331
  • Bindersgarteseit 19911
  • BreitiBraateseit 19471
  • Guetseit 19461
  • Löchliohne datierten Bau1
  • MösliUfgänteseit 19471
  • Obers TägermoosObers Tägermosseit 19401
  • Pfaffeschlössliohne datierten Bau1
  • Ribiseit 19101
  • Rüselseit 19571
  • SilberbärgRüselbach · Sandhaldeohne datierten Bau1
  • Unders TägermoosSpitzacker · Unders Tägermosseit 19201
  • Vogelsangseit 19041
  • ZälgliGriesgarteseit 19101
  • ZellersguetZällersguetseit 19241

„Seit" meint nicht das Alter des Namens. Es meint, seit wann in diesem Gebiet ein inventarisiertes Bauwerk steht. Die meisten Flurnamen sind älter als jedes Haus darin — oft um Jahrhunderte. Die letzte Zahl ist die Menge inventarisierter Bauten im Gebiet und keine Rangfolge. Zweite Spalte: die Mundartform aus dem Thurgauer Namenbuch, wo sie von der amtlichen Schreibung abweicht. Quelle: Hinweisinventar Bauten Kanton Thurgau (Stand 2023), Feld Flurnamengebiet und Namenbuch, CC0 1.0.

Wasser, Mühlen, Reben

Die Obermühle, Fachwerk auf gemauertem Erdgeschoss
Die Obermühle, Fachwerk auf gemauertem ErdgeschossPingelig · CC BY-SA 3.0 · Wikimedia Commons

Zwei Gebäude dieser Seite heissen nach Mühlen — das Wohnhaus Untere Mühle und die Obermühle — und die Gemeinde zählt in ihrer Ortsgeschichte deren neun. Für ein Dorf dieser Grösse ist das viel, und es hat einen Grund, der unter der Erde liegt: das Gefälle vom Seerücken zum See, ein Bach mit genug Kraft, und der Schuttfächer, den er dabei aufgeschüttet hat. Beide Mühlen stehen auf diesem Bachschutt.

Mühlen sind der Grund, aus dem viele Dörfer überhaupt eine Wirtschaft hatten. Sie mahlten nicht nur Korn — Mühlwerke trieben Sägen, Hammerwerke, Stampfen und Ölpressen. Wo neun davon standen, war der Ort für seine Umgebung eine Adresse.

Die Obermühle

Sie war ein Lehen des Hochstifts Konstanz, also kirchlicher Besitz, den man gegen Abgaben bewirtschaftete. Ein Baujahr trägt sie nicht: Das kantonale Inventar führt für sie 1899, und diese Zahl gilt hier nicht als Baujahr — warum, steht im Abschnitt „Wie alt das Dorf gebaut ist”. Im 19. und 20. Jahrhundert stand sie jahrzehntelang still; 1950 wurde sie endgültig stillgelegt. Was heute dort steht, ist ein Fachwerkhaus auf gemauertem Erdgeschoss, in der Gesamterscheinung 18. Jahrhundert, mit rot bemaltem Zierfachwerk in den Obergeschossen — 1985/86 mit Beiträgen der Denkmalpflege renoviert.

Ein Widerspruch, den wir nicht auflösen können: Das kantonale Inventar nennt für 1532 als Besitzer den Chronisten Ulrich von Richental — den Mann, der das Konstanzer Konzil von 1414 beschrieben hat und dessen Chronik zu den bekanntesten Bildquellen des Spätmittelalters gehört. Nach den Lebensdaten in Wikidata starb er allerdings 1437, fünfundneunzig Jahre vor diesem Eintrag.

Wahrscheinlich meint das Inventar Nachkommen oder das Haus derer von Richental. Aber wir wissen es nicht, und deshalb steht hier beides. Es ist nach dem Schulhaus der zweite Fall auf dieser Seite, in dem zwei sorgfältige Quellen nicht dasselbe sagen — und der zweite, in dem wir uns nicht für eine entscheiden.

Die Reben

Vom Rebbau, der die Hänge hier lange prägte, ist fast nichts geblieben; die Gemeinde hält fest, dass er nahezu vollständig verschwunden ist. Eine Spur steht noch: Das Müller-Thurgau-Haus war ein Rebgut und eine Bäckerei, bevor es nach dem Mann benannt wurde, der darin geboren wurde. Dass ausgerechnet von hier der Rebzüchter stammt, nach dem eine Sorte heisst, ist eine Ironie, die der Ort nicht bestellt hat — aber sie hat einen handfesten Grund: In diesem Haus wuchs jemand zwischen Reben auf.

Die Egloffs — ein Name, der durch das Dorf läuft

Das Okenfiner Haus, um 1800 von Johann Konrad Egloff umgebaut
Das Okenfiner Haus, um 1800 von Johann Konrad Egloff umgebautPingelig · CC BY-SA 3.0 · Wikimedia Commons

Wer die Bauakten und die Personendaten dieses Ortes nebeneinanderlegt, sieht einen Namen immer wieder: Egloff.

Das Okenfiner Haus — 1548 zuerst als Flurname belegt, 1596 bischöfliches Lehen, 1616 durch einen Befreiungsbrief zum Freisitz erhoben — wurde um 1800 von Johann Konrad Egloff (1762–1845) umgebaut, Operator und Ammann, und um 1850 noch einmal von dessen Sohn. Dieser Sohn ist mit hoher Wahrscheinlichkeit der Johann Konrad Egloff (1808–1886), der in der Menschen-Liste dieser Seite als Nationalrat steht — hier geboren, hier gestorben, hier begraben, hier tätig gewesen. Sein eigener Sohn, Johann Konrad Egloff jun. (1838–1907), war ebenfalls Politiker.

Das Müller-Thurgau-Haus wurde 1805 von Syrach Müller-Egloff gebaut, dem Urgrossvater des Rebzüchters. Das Wandrähm trägt bis heute die Jahreszahl 1805 und die Initialen „SM”.

Und Elise Egloff (1821–1848), die Näherin, über die drei Dichter schrieben, trägt denselben Namen.

Was wir daraus nicht machen: eine Familiengeschichte. Ob Elise Egloff mit den Ammännern und Nationalräten verwandt war, geht aus keiner unserer Quellen hervor — Egloff ist im Thurgau ein häufiger Name, und ein gemeinsamer Nachname ist kein Beleg. Wir schreiben deshalb nicht „die Familie Egloff”, sondern: Dieser Name steht in diesem Dorf über zwei Jahrhunderte an sehr verschiedenen Stellen, in Bauakten und in Lebensläufen.

Und das ist bereits die Beobachtung. Ortsgeschichte besteht selten aus grossen Ereignissen; sie besteht meistens daraus, dass wenige Namen sehr oft vorkommen — und dass die Häuser sich das merken, weil jemand ein Baujahr in einen Balken geschnitten hat.

Die Automobile aus dem Dorf

1886 baute J. R. Hälg in Tägerwilen ein dreirädriges Dampfautomobil. Um 1890 konstruierte Eugen Kaufmann hier Automobile mit Benzinmotor. Ab 1905 entwickelte K. Maier landwirtschaftliche Maschinen.

Die Jahreszahl 1886 ist für eine Thurgauer Landgemeinde bemerkenswert: Es ist dasselbe Jahr, in dem in Deutschland die ersten Patentmotorwagen entstanden. Dass in einem Dorf am Untersee gleichzeitig jemand ein Dampfautomobil zusammen baute, gehört zu den Dingen, die man einem Ort nicht ansieht.

Zur Quellenlage: Für diesen Abschnitt haben wir nur eine Quelle, und es ist die Gemeinde selbst. Sie ist damit nicht falsch — aber es ist die Darstellung einer Gemeinde über die eigene Vergangenheit, und wir haben sie nirgends gegengelesen. Wer mehr weiss, insbesondere aus dem Staatsarchiv Thurgau: Wir tragen es gerne nach.

Drei Bahnhöfe

Bahnhof Tägerwilen-Gottlieben, 1874
Bahnhof Tägerwilen-Gottlieben, 1874Pingelig · CC BY-SA 3.0 · Wikimedia Commons

Tägerwilen hat drei Bahnhöfe für gut fünftausend Einwohner. Zwei Linien kreuzen sich hier: die Seelinie dem Untersee entlang und die Verbindung ins Thurgauer Hinterland.

Wikidata verzeichnet für keinen der drei ein Baujahr. Das kantonale Inventar verzeichnet für alle drei eines, und zusammengelesen ergeben sie den Fahrplan des Dorfes:

Was hier passiert ist, lohnt einen eigenen Satz. Ein Abschnitt, der vorher schrieb „diese Bahnhöfe haben ein Eröffnungsjahr, es steht nur nirgends, wo wir es belegen könnten”, hat jetzt drei Jahreszahlen — weil eine zweite Quelle dazugekommen ist. Die Lücke lag nie im Ort, sie lag in unserer Auswahl an Quellen.

Genau deshalb steht in der Zeitleiste oben bei jeder Zeile, woher ihre Jahreszahl kommt.

Otto Vogler, 1876–1941

Der Stolperstein an der Konstanzerstrasse 123
Der Stolperstein an der Konstanzerstrasse 123Christian Michelides · CC BY-SA 4.0 · Wikimedia Commons

An der Konstanzerstrasse 123 liegt seit dem 13. September 2015 ein Stolperstein von Gunter Demnig. Seine Inschrift ist knapp:

Hier wohnte Otto Vogler, Jg. 1876, im Widerstand, verhaftet 1938, Zuchthaus Ludwigsburg, Neuengamme, ermordet 14.12.1941 Dachau.

Hinter diesen sieben Zeilen liegt eine der am besten belegten Lebensgeschichten dieser Seite — sieben Archive haben daran mitgeschrieben.

Ein gewöhnliches Leben

Otto Vogler wurde am 18. Oktober 1876 in Lampach bei Leustetten geboren, Amt Überlingen; die Eltern hatten eine kleine Landwirtschaft. Er arbeitete als Haus- und Empfangsdiener in Südfrankreich, London und Paris. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs war er in der Schweiz, meldete sich 1915 freiwillig zum deutschen Militär, wurde mehrfach verwundet, erkrankte an der mazedonischen Front an Malaria und diente danach als Dolmetscher. Er trug das Ehrenkreuz für Frontkämpfer und das Verwundetenabzeichen.

1920 heiratete er in Baden-Baden die Schweizerin Adele Zwahlen. Vier Kinder. Eine Gastwirtschaft in Durlach, mit Gewinn verkauft — und 1923 in der Inflation das ganze Vermögen verloren. Danach ein Kolonialwarengeschäft, das nicht trug; ab 1924 Bahnportier im Konstanzer Inselhotel, bis er die Stelle 1930 in der grossen Arbeitslosigkeit verlor. Zuletzt ein kleines Geschäft für Butter, Eier und Käse in der Konstanzer Altstadt.

Anfang Mai 1932 meldete sich die Familie in Tägerwilen an. Sie wohnte im Trompeterschlössli, wenige Meter von der Grenze.

Was er gesagt hat

Anfang Oktober 1938, nach einem Streit mit seiner Frau, ging Vogler durch mehrere Gasthäuser diesseits und jenseits der Grenze. In der Schweizer Gastwirtschaft „Zum Zollhof” in Emmishofen sagte er unter Alkoholeinfluss Sätze über Göring, Hitler und Goebbels — überliefert sind: „Wir haben in Deutschland nur Dummköpfe in der Regierung” und „Die deutsche Staatsführung hat die Arbeiter verraten.“

Anwesende deutsche Gäste zeigten ihn bei der Gestapo an. Wenige Tage später wurde er in seinem Konstanzer Laden verhaftet.

Es folgten sieben Monate Untersuchungshaft und am 9. Juni 1939 ein Prozess vor dem 2. Senat des Volksgerichtshofs — abgehalten in Konstanz, das einzige Verfahren, das Richter des Berliner Volksgerichtshofs dort führten. Auf der Richterbank sassen unter anderem ein SA-Brigadeführer, ein SS-Sturmbannführer und Ludwig Fischer, der später Gouverneur des Distrikts Warschau wurde und 1947 als Kriegsverbrecher hingerichtet wurde. Vogler hatte keinen Anwalt.

Das Urteil lautete auf zwei Jahre Zuchthaus. Es galt für die Zeit als milde, weil ein Amtsarzt ihm „erheblich verminderte Zurechnungsfähigkeit” bescheinigte — er habe an jenem Abend zwei bis drei Liter Wein getrunken.

Was danach geschah

Vogler verbüsste die Strafe im Zuchthaus Ludwigsburg. Am 21. November 1940, nach Ablauf seiner Haft, wurde er erneut verhaftet und ohne Gerichtsverfahren in das KZ Dachau eingeliefert, Häftlingsnummer 21609. Ende Januar 1941 kam er nach Neuengamme, im April 1941 zurück nach Dachau.

Am 14. Dezember 1941 starb er dort. Die Sterbeurkunde nennt, wie bei unzähligen anderen, eine formelhafte Ursache. Sein Leichnam wurde im Krematorium eingeäschert und die Asche auf dem Gelände verstreut. Es gibt keine Grabstätte.

Was der Stein sagt und was die Akten sagen

Auf dem Stein steht „im Widerstand”. Die Akten zeigen keinen organisierten Widerstand, sondern einen Mann, der in einer Wirtschaft sagte, was er dachte. Sein politisches Weltbild wird in der Forschung als diffus beschrieben — und zugleich als das eines sicheren Gegners des Nationalsozialismus. 1949 erklärten Konstanzer Bürger vor Gericht, Vogler sei „ein entschiedener Gegner des Nationalsozialismus” gewesen.

Beides steht hier nebeneinander, weil beides belegt ist. Der Unterschied ändert nichts an dem, was ihm geschah: Er wurde für Sätze in einer Wirtschaft zuerst eingesperrt und dann, nach Verbüssung der Strafe, ohne jedes Verfahren umgebracht.

Seine Frau zog 1942 mit den beiden jüngeren Kindern in die Schweiz. Von den vier Kindern starben zwei im Krieg beziehungsweise in Gefangenschaft; keines hinterliess Nachkommen. Adele Zwahlen starb 1981 in Interlaken.

Die Familie ist damit erloschen. Was von ihr bleibt, ist ein Messingstein im Trottoir, zehn Zentimeter im Quadrat.

Das Haus an der Grenze

Das Trompeterschlössli an der Konstanzerstrasse ist ein Gasthaus wenige Meter vor der Landesgrenze. Das kantonale Inventar datiert es auf 1905, die Flurnamenliste führt es als eigenes Gebiet, und das Siedlungsverzeichnis des Kantons zählt es als eigene Siedlung — mit einer Einwohnerzahl, die zu klein ist, um veröffentlicht zu werden.

In der Zwischenkriegszeit war es ein beliebtes Ausflugslokal der Konstanzer, mit Restaurant, Biergarten, Bäckerei und Feinkosthandlung. Hier wohnte ab Mai 1932 die Familie Vogler.

Der 24. April 1945

Sechs Wochen vor Kriegsende trafen sich in diesem Haus französische Offiziere, Vertreter der Stadt Konstanz und Angehörige der Schweizer Armee. Vermittelt hatte der Kreuzlinger Stadtammann Otto Raggenbass. Die französische Forderung war eindeutig: Wenn die deutschen Stellen nicht zustimmen, wird Konstanz bombardiert.

Die Konstanzer Abordnung kam nur zu diesen Verhandlungen, weil sie unbemerkt durch ein Loch im Grenzzaun schlüpfen konnte.

Man einigte sich auf die kampflose Übergabe. Am 26. April 1945 besetzte die 5. französische Panzerdivision Konstanz, ohne dass geschossen wurde. Die Stadt blieb unzerstört — als eine der wenigen ihrer Grösse in Süddeutschland.

Warum das hier steht und nicht in Konstanz

Das ist die folgenreichste Stunde, die dieses Dorf erlebt hat, und sie handelt von der Nachbarstadt. Genau so ist die Lage dieses Ortes beschaffen: Was Tägerwilen ausmacht, geschieht oft an der Grenze und betrifft die andere Seite.

Und in dem Haus, in dem 1945 Konstanz vor der Zerstörung bewahrt wurde, hatte sieben Jahre zuvor ein Mann gewohnt, den dasselbe Regime für ein paar Sätze in einer Wirtschaft nach Dachau brachte. Beide Geschichten hängen an derselben Adresse, und keine erklärt die andere.

Die Zahlen

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts lebten hier nach Darstellung der Gemeinde etwa 480 Menschen. Mitte des 20. Jahrhunderts waren es rund 1 500, vierzig Jahre später 2 600, gegen Ende der 1990er-Jahre 3 200.

Was danach geschah, lässt sich Jahr für Jahr belegen — und es ist der stärkste Bruch in der ganzen Ortsgeschichte: In fünfzehn Jahren ist Tägerwilen um 1 593 Menschen gewachsen, um zwei Fünftel. Dieser Zuwachs allein ist mehr als dreimal so gross wie das ganze Dorf zu Beginn des 17. Jahrhunderts.

Zum Vergleich: Von den rund 480 Menschen um 1600 bis zu den 1 500 um 1950 brauchte der Ort dreieinhalb Jahrhunderte. Die letzten anderthalb Jahrzehnte haben mehr Einwohner gebracht als jene dreieinhalb Jahrhunderte.

Ein Hinweis, der über diese Seite hinausgeht: Wikidata führt für Tägerwilen genau zwei Einwohnerzahlen, die jüngere von 2018. Wer eine solche Zahl ungeprüft übernimmt, schreibt eine Gemeinde um eine Grössenordnung kleiner, als sie ist. Eine einzelne Zahl veraltet still; eine Reihe zeigt, dass sie es tut.

  1. 20103'965
  2. 20114'009
  3. 20124'079
  4. 20134'282
  5. 20144'336
  6. 20154'388
  7. 20164'524
  8. 20174'617
  9. 20184'642
  10. 20194'762
  11. 20204'921
  12. 20215'047
  13. 20225'147
  14. 20235'341
  15. 20245'453
  16. 20255'558

3'965 im Jahr 2010, 5'558 im Jahr 2025 — ein Zuwachs von 40 Prozent in 15 Jahren. Die Balken beginnen bei null. Quelle: Ständige Wohnbevölkerung, Bundesamt für Statistik (STAT-TAB).

Der Ort ist immer noch viele Orte

Weiter oben steht, dass die alten Häuser dieses Ortes weit auseinanderliegen und dass seine Flurnamen an einzelne Höfe erinnern. Das könnte man für Vergangenheit halten. Ist es aber nicht.

Der Kanton führt für Tägerwilen siebzehn benannte Siedlungen, und in vierzehn von ihnen wohnen heute Menschen unter einem Namen, den auch die Flurnamenliste kennt: Hertler mit 383 Einwohnerinnen und Einwohnern, Schinenberg mit 65, Ländli mit 46, Brunnegg mit 15, Castell mit 12, Hochstrasse-Gut mit 12, Säge mit 8, Nagelshausen und Pfaffenbüel mit je 7.

Das Dorf selbst zählt 4 418 — vier Fünftel. Aber ein Fünftel wohnt woanders, und dieses Woanders hat Namen, die seit Jahrhunderten dieselben sind.

Was „x” bedeutet

Bei fünf Siedlungen steht in der amtlichen Tabelle kein Wert, sondern ein x: Binder Oberer, Neuhof, Staudenhof, Trompeterschlössli, Ziegelhof.

Das heisst nicht null. Es heisst, dass dort so wenige Menschen wohnen, dass eine Zahl sie identifizierbar machen würde — der Kanton unterdrückt sie deshalb. Wir schreiben es als „unter der Schwelle” hin, weil beide naheliegenden Alternativen falsch wären: Eine Null behauptete, dort wohne niemand; ein leeres Feld behauptete, man wisse es nicht.

Es ist bemerkenswert, dass ein Ort mit fünfeinhalbtausend Einwohnern fünf Siedlungen hat, die klein genug für den Datenschutz sind.

Und der dritte Quellenwiderspruch dieser Seite

Zählt man die veröffentlichten Zahlen der siebzehn Siedlungen zusammen, kommt man auf 5 488. Das Bundesamt für Statistik nennt für dasselbe Jahr 5 558 — siebzig Menschen mehr, weit mehr als die fünf unterdrückten Siedlungen ausmachen können.

Die beiden Zahlen zählen nicht dasselbe: Der Bund erhebt die ständige Wohnbevölkerung, der Kanton die Einwohner per Stichtag, und die Definitionen weichen ab. Welche Zahl für welche Frage die richtige ist, können wir nicht entscheiden — also stehen beide da, mit ihrer Herkunft. Es ist nach dem Schulhaus und der Obermühle der dritte Fall auf dieser Seite, in dem zwei sorgfältige Quellen nicht dasselbe sagen, und der dritte, in dem wir uns nicht für eine entscheiden.

  • Tägerwilenauch Flurname4'418
  • Oberstrasseauch Flurname472
  • Hertlerauch Flurname383
  • Schinenbergauch Flurname65
  • Ländliauch Flurname46
  • Weiherstrasse43
  • Brunneggauch Flurname15
  • Castellauch Flurname12
  • Hochstrasse-Gutauch Flurname12
  • Sägeauch Flurname8
  • Nagelshausenauch Flurname7
  • Pfaffenbüelauch Flurname7
  • Binder, Obererunter der Schwelle
  • Neuhofunter der Schwelle
  • Staudenhofauch Flurnameunter der Schwelle
  • Trompeterschlössliauch Flurnameunter der Schwelle
  • Ziegelhofauch Flurnameunter der Schwelle

Stand 31. Dezember 2025. „Unter der Schwelle" heisst nicht null. Der Kanton veröffentlicht sehr kleine Einwohnerzahlen nicht, damit sich niemand aus der Statistik heraus identifizieren lässt — in 5 der 17 Siedlungen ist das der Fall. Die übrigen zählen zusammen 5'488 Menschen. Quelle: Siedlungsverzeichnis des Kantons Thurgau 2026, CC0 1.0.

Was hier steht, und seit wann

Die datierten Bauwerke und Ereignisse der Gemeinde, in Schichten. Diese Leiste kommt aus zwei Beständen: aus Wikidata und aus dem Hinweisinventar der kantonalen Denkmalpflege. Wo die Jahreszahl aus dem Inventar stammt, steht es in der Zeile.

Das ist keine Auswahl der wichtigsten Bauwerke, sondern die der bebilderten: 12 der 18 benannten Orte tragen ein Bild mit Urhebernachweis. Die übrigen 6 fehlen im Streifen, nicht im Ort. Alle Aufnahmen stammen aus Wikimedia Commons; die Urheber stehen unter den Bildern und vollständig auf der Nachweisseite.

17. Jahrhundert

20. Jahrhundert

Was kein Baujahr hat

Diese 7 Einträge sind belegt, ihr Jahr ist es nicht — auch nicht im kantonalen Inventar. Bei den meisten zu Recht: eine Strasse, ein Gebiet und eine Kulturlandschaft haben kein Baujahr, und ein Stolperstein datiert nicht sich selbst, sondern ein Leben.

Innerortsstraße

Ruine

städtisches Gebiet

Im Umkreis

Was im Umkreis liegt, gehört zur Geschichte dieses Ortes, auch wenn es in einer anderen Gemeinde oder jenseits der Grenze steht.

83 datierte Bauwerke und Ereignisse liegen im Umkreis von sechs Kilometern um Tägerwilen — hier nach Nachbargemeinden gebündelt, mit den jeweils ältesten drei. Die Zahlen zusammengezählt ergeben mehr: 2 Objekte liegen in mehreren Gemeinden zugleich und erscheinen bei jeder.

Quellen

Jeder geschriebene Abschnitt oben trägt seine eigenen Quellen; hier stehen sie zusammen. Was nicht belegt ist, steht nicht da.